Radikalisierung verstehen – Extremismus vorbeugen: Nazi-Aussteiger Philip Schlaffer zu Gast

Am 10.  September 2026 berichtete der ehemalige Neonazi Philip Schlaffer in der BBS II Stade von seinen Erfahrungen in der rechtsextremen Szene, seiner Radikalisierung und seinem späteren Ausstieg. Der dreistündige Vortrag sensibilisierte die Jugendlichen auf sehr persönliche und emotionale Weise für die Gefahren des Extremismus.  

Gleich zu Beginn suchte der 48-Jährige den direkten Kontakt zu den 190 Schülerinnen und Schülern. Er bot ihnen das „Du“ an und machte deutlich, dass es kein gewöhnlicher Vortrag werden würde. Der ehemalige Neonazi und Chef des kriminellen Motorradclubs „Die Werwölfe“ warnte seine Zuhörer mit den Worten vor „Ich erzähle euch keine schöne Geschichte, aber eine wahre.“

Ausgangspunkt waren Fotos aus seiner Vergangenheit, die ihn zuerst als fröhlichen, fußballverrückten Jungen zeigten und nur wenige Jahre später als aggressiven Jugendlichen mit einem Baseballschläger vor einer Flagge mit rechten Symbolen zeigten.

Er nahm die Zuhörer mit in seine damalige Welt: „Warum entscheidet sich ein 16-Jähriger dazu, Neonazi zu werden?“ Anstatt die Frage selbst zu beantworten, versuchte Schlaffer gemeinsam mit den Jugendlichen nachzuvollziehen, welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen können. Er fragte: „Stellt euch vor, ich würde heute zu euch sagen: Ihr seid die Besten der Welt. Ihr seid die beste Schule der Welt. Wie fühlt sich das an?“. Die Antworten aus dem Publikum kamen schnell: Es gebe einen „Ego-Push“, man fühle sich gut, überlegen und besser als andere.

Diese nahbare, direkte Art zum Publikum behielt er während seiner weiteren Erzählung bei. Immer wieder zeigte auf, welche Wirkung Beachtung, Anerkennung und das Gefühl von Zugehörigkeit auf junge Menschen haben können, denen genau das fehlt. Gleichzeitig zeigte er, dass die Mechanismen, die Menschen für extremistische Gruppen empfänglich machen, bei jedem wirken können, der sich in einer schwierigen Lebenssituation befindet.

Im weiteren Verlauf berichtete Schlaffer, wie er selbst als Jugendlicher immer tiefer in die rechtsextreme Szene geriet. Er beschrieb, dass seine Radikalisierung ein schleichender Prozess war. Aus der anfänglichen Zugehörigkeit zu einer rechten Gruppe, der damit verbundenen Anerkennung und dem Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, wurden zunehmend Abgrenzung, der Aufbau von Feindbildern und Gewalt. „Das Erste, was ich verloren hatte, war das Gefühl für Menschen, meine Empathie“, stellte Schlaffer rückblickend fest.

Hass und Gewalt wurden für ihn immer selbstverständlicher und gehörten später zum Alltag. Eindringlich warnte er die Jugendlichen deshalb vor dem vermeintlichen Zusammenhalt extremistischer Gruppen, egal ob aus dem linken, rechten oder religiösen Spektrum. „Sie suchen nicht wirklich euch. Sie suchen ‚Menschenmaterial‘, das sie verheizen können“, schlussfolgerte er aus seinen Erlebnissen.

Das eigene Umfeld und die Menschen, mit denen man sich umgebe, hätten einen großen Einfluss auf das eigene Denken und Handeln. Schlaffer formulierte deshalb eine klare Erkenntnis: „Wer auch immer versucht, Hass gegen in euch zu pflanzen, der meint es nicht gut mit euch.“

Er beschönigte seine Vergangenheit nicht und betonte, dass seine persönliche Geschichte nichts entschuldigen soll, sondern zeigen soll, welche Folgen Radikalisierung, Gewalt und die Abwertung anderer haben.

Nach der abschließenden Fragerunde gab Schlaffer den Jugendlichen noch einen persönlichen Appell mit auf den Weg: „Ich wünsche euch eine offene Tür im Leben, wenn ihr verloren geht. Passt auf euch auf und guckt genau hin, wenn euch jemand beeinflussen will.“

Später im Klassenraum diskutierten einige Schülerinnen und Schüler, ob es sinnvoll sei, einem ehemaligen Neonazi mit einem solchen Vortrag eine Bühne zu geben. Die Jugendlichen bewerteten es mehrheitlich positiv, da Schlaffer seine Vergangenheit nicht verherrlicht, sondern seine eigenen Erfahrungen nutzt, um glaubwürdig vor Radikalisierung und Gewalt zu warnen.